Emotionen

Kleines Vorwort

Der Fluss des Lebens nimmt seinen Lauf. Er ist unaufhaltbar. Wir alle leben, lieben, leiden. Oft sind es unsere eigenen Ketten oder die Ketten anderer, die wir glauben, tragen zu müssen, die uns blockieren und bremsen. Wir begegnen Menschen, die Anteile von uns in sich tragen, die einem selber fehlen oder nicht ausreichend ausgeprägt sind. Wir erkennen unsere Schwächen und Stärken in Anderen, um sie ggf. zu integrieren oder uns davon abzugrenzen. Eines ist sicher: Am Ende des Prozesses begegnen wir uns selbst, unserem authentischen Selbst, und sind in der Lage, dem Fluss des Lebens wieder zu vertrauen.

Das ist eine Auswahl an Texten, die emotional geprägte Begegnungen mit den verschiedensten Menschen in Worte gezaubert haben. Texte, die Emotionen, Gefühle und prägnante Situationen im Detail erfassen und in Worte gießen. Das sind Texte für alle sich in Freiheit begebenden Seelen.

*Herz in deiner Hand

Ich steige aus dem Aufzug, öffne die Haustür, die warme Luft einer stillen Sommernacht strömt mir entgegen. Ich höre meine Schritte nicht. Meine Blicke verlieren sich zwischen Asphalt und Laternenlicht. Ich fühle mich weder benutzt noch beschmutzt. Es ist egal. Es ist mir egal. Es ist dem Leben egal. Ich denke nur an dich und folge meinem Herzen, denn du hast es ganz vorsichtig berührt. Ich möchte es dir in deine Hände legen. Wenn es dir zu schwer ist, gib es mir bitte zurück.

*Dämmerung

Es dämmert. In diesem fahlen Licht, das den Himmel mehr oder minder erhellt, beende ich den heutigen Tag. Ich lege den Stift hin, klappe mein Notizbuch zu. Meine Augen sind müde. Mein Geist ist es auch. Gedanken fahren wie ein Zug durch meinen Kopf, ich weiß nicht wo ich aussteigen soll. Gefangen in der Entscheidung, es dir zu sagen oder dir nicht zu sagen. Gefangen in der Stille, in deiner Konformität, in deinen Ketten, die nicht meine sind. Ich möchte sie sprengen, dich frei sehen und lieben.

*Gefängnis

Müde liege ich in deinen Armen, während das Kerzenlicht flackert und alles so flüchtig erscheint. Ich fühle mich ungesehen. Oder missverstanden. Ich frage mein inneres Kind, aber es möchte nichts sagen. Deine Berührungen sind künstlich, starr und leer. Ich fühle nichts. Denn du lässt mich nicht. Ich drehe mich weg. Du nimmst mich nicht wahr, denn du bist bedient. Deine Maske rutscht immer weiter ab, und du merkst nicht, dass ich hinter deine Fassade blicke. Hinter dein verletztes Herz, das nie gelernt hat, geliebt werden zu dürfen – ohne erbrachte Leistung, ohne Erfolge, ohne Trophäe. Ich möchte für dich da sein, aber du erlaubst es nicht. Wir sind zwei Gefangene. Gefangen in der Sehnsucht.

*Juwel

Vorsichtig hole ich dich aus der Schatulle. Wie du glänzt fasziniert mich. Du hörst nie auf zu glänzen. Ich lege dich um meinen Hals, denn heute möchte ich dich präsentieren. Unter Mengen von Menschen, die deinen Glanz sehen und erleben sollen. Tapfer und stolz zierst du mein Dekolleté und wertest alles an mir auf. Ich fühle mich stark und unbesiegbar durch dich. Später lege ich dich zurück in deine Schatulle, verschließe sie gut und sicher. Ich entscheide über dich und trotzdem glänzt du ununterbrochen.

*Lost

Irgendwo in Marrakesh sind wir uns begegnet. Zwischen den Lehmmauern. Ich erinnere mich an den heissen Wind und an den Staub und Schmutz, die an meinem Körper klebten. Zwei Blicke, die sich trafen. Ein Gefühl der Verbundenheit. Eine Projektion meiner Selbst. Du brachtest mich sicher Nachhause, obwohl du mich nicht kanntest. Du wolltest keine Dankbarkeit, kein Geschenk, kein Kompliment. Nur meine Sicherheit. Nur mein Wohlergehen. So schnell du kamst, so schnell gingst du auch. Mich zerfraß die Angst, die Angst dich nie wieder zu sehen. Die Sehnsucht nach meinem Spiegelbild. Unsere gemeinsame Aufgabe war besiegelt. Ich wusste es. Und trotzdem hoffte ich.

*Kein Abschied

Und endlich wurde mir klar, dass es keinen Abschied gibt. Dass ich in keiner Illusion des Abschieds leben muss. Dass dieses Vakuum namens Abschied nicht existiert. Dass all der damit verbundene Schmerz und die damit verbundene Angst und Sehnsucht nur Gefühle aus meiner Kindheit sind. Und wieder einmal warst du in Aufbruchstimmung. „Warum magst du nicht bleiben?“, fragte ich dich. „Weil ich nicht kann“, sagtest du damals. Irgendwie entschlossen, irgendwie zerstreut. Die Welt lag dir zu Füßen. Wie solltest du auch bleiben. Ich wollte Abschied nehmen, aber dann warst du schon verschwunden. Als Juwel geboren bekamst du überall einen Platz. Ich wusste, du würdest noch einige Existenzen mit deiner Schönheit und Reinheit zieren, bevor du zu mir zurück finden würdest. An deinen Platz.

*Rückwärts

Überall bunte Ballons, Zuckerwatte und niedliche Plüschtiere. Ich liebte den Jahrmarkt. Die laute Musik, die vielen Menschen und lachenden Gesichter. Ein Ort der Lebensbejahung. So schlängelte ich mich durch die Massen auf der Suche nach meinem Lieblingskarussel. Und auf der Suche nach dir. Das Karussell mit den Einhörnern, das war es. Hier durfte ich wieder Kind sein – unbeschwert, verträumt und im Moment. Ich drehte Runde für Runde. Für einen Augenblick vergaß ich dich. Unter all den Gesichtern, ich würde dich finden. Eine tiefe Energie floss durch mich. Wann vermag ich abzusteigen? Wie viele Runden kostete es mich, bis mir schlecht wurde? All die Farben, Nuancen, Gerüche und Geräusche – eine Kulisse voller Spiegel, Masken und Betäubung. Ein Ort im Jetzt ohne Zukunft.

*Vergoldet

Deine angestrengten Blicke schweifen durch den engen, stickigen Raum. Ich fühle deine Angst, deine Unruhe, deinen Willen und deine Stärke. Sicher und kompetent hältst du deine Gefühle verschlossen. Lügst du mich oder dich an? Sind es deine vergoldeten Ketten, die sich wie Stahl anfühlen? Ich kann sie nicht mehr tragen. Blutend lasse ich mich frei und dich zurück.

*Fragmente meiner Selbst

Das bin ich. Einst zersprungen und zerbrochen in tausende von Scherben. Ich bin nicht ganz, ich bin nicht vollkommen, doch ich glänze. Ich biete dir Fragmente meiner Selbst. Fragmente etlicher Farben und Formen. Heller Farben, dunkler Farben, leuchtender Farben, kleinster Nuancen und Variationen. Das bin ich. Ein ungleiches Mosaik aus vielen vielen Scherben. Ein Kunstwerk aus tiefer Liebe, Weisheit, Glück und Schmerz. Ein Unikat, das verstehen und verstanden werden möchte. Das bin ich. Ich biete dir alle meine Fragmente.

*Spiegel

Ich wünsche dir Liebe. Liebe, die an dich glaubt, die sich um dich sorgt, die dich aufbaut, die dich pusht, die dich feiert, die dich verführt, die dich tröstet, die dich erleichtert, die dich ermutigt, die dich versteht. Ich wünsche dir Liebe, die dich umarmt, die mit dir rennt, die mit dir stiehlt, die mit dir flüchtet, die mit dir Wege sucht, die dich niemals einfach so aufgibt. Ich wünsche dir Liebe, die dich wertschätzt, die ihre Anteile in dir erkennt, die dich zum wachsen bringt. Ich wünsche dir Liebe, die deine Seele berührt, die dich begehrt, die zu dir gehört. Genau diese Liebe wünsche ich dir.

*Entscheidung

Meine Entscheidung steht fest. Ich habe mich für das Juwel entschieden. Ich liebe seinen Schliff, seinen Glanz, seine Fassung. Wie ein Prisma teilt es sein Licht in die schönsten Farben. Wie ein Spiegel reflektiert es meine Träume und Hoffnungen. Mit diesem Juwel fühle ich mich stark. Mit ihm fühle ich mich sicher, schön und inspiriert. Ich brauche nicht mehr zweifeln. Ich habe mich entschieden.

*Wegweiser

Ein Tag wie jeder andere, einzigartig und wegweisend. Ob ich dich vermisse? Ich bin voller Sehnsucht, wie kann ich dich nicht vermissen. Jeder Trigger, jeder Schmerz, jeder Funke Liebe, Hoffnung und Perspektive mündet in meine unendliche Sehnsucht. In die Sehnsucht nach dem Leben, nach Gefühl, Emotion und Wahrnehmung. Sie fließt, sie kann nur weiter, nicht zurück. Wann steigst du ein?

*Tresor

Völlig safe. Mit dieser periodischen Zahlenkombination, die niemals zu enden scheint. Safe in mitten der teuersten Juwelen. Safe unter einem Haufen Goldbarren habe ich mich weggesperrt. Ich will nicht mehr im Außen glänzen, will mich nicht mehr durch die Menschheit werten lassen. Mein Wert ist bekannt und so habe ich mich an einem gewissen Punkt zu den schönsten Reichtümern dieser Welt in diesen Tresor an einem fernen Ort hinter Tonnen von Stahl niedergelassen. Weil ich mich nur hier sicher fühle, Ihnen so nicht mehr begegnen muss – diesen ganzen Banditen und Heuchlern dieser Welt, die sich mit etwas schmücken wollen, dessen Wert sie nicht im Ansatz zu schätzen und würdigen wissen. Ich bin safe. Am sichersten Ort dieser Welt, in diesem Tresor an einem ganz fernen Ort. Hier wird mich niemand mehr finden.

*Leben

Bewusst entscheide ich mich gegen dieses Leben. Es ist mir nicht böse, es macht mir keine Vorwürfe, es lässt mich einfach frei sein. Frei in meinem Willen, meinen Gefühlen und Entscheidungen. Das Leben möchte nichts von mir. Es besteht auf keine Leistung, auf keinen Gewinn und keine Anerkennung. Das Leben ist weder stolz noch stellt es Ansprüche oder Erwartungen. Es lässt mich los, wenn ich dran ziehe. Es überlässt mir meinen Weg. Und egal, welchen ich gehe. Es ist dem Leben egal.

*Diebe

Ich wusste, als ich die ganzen Texte für dich schrieb, du sie nie lesen würdest. Sie nie annehmen oder gar fühlen könntest. Aus Angst dich zu verirren. Gefangen in deiner Konformität, in deinen dir selbst angelegten Ketten. Getrieben von deiner Sucht nach Freiheit und nach Anerkennung wie ein gestohlenes Juwel. Geblendet von deinem eigenen Glanz konntest du nicht meinen sehen. Ich wollte mit dir rennen, mit dir fliehen, mit dir Wege suchen. Wie zwei leidenschaftliche Diebe in der Dunkelheit. Ich hätte dich nie verlassen, dich immer bewundert und dich für immer geliebt, auch ohne deine Fassung, so wie du bist als loser Stein. Und falls du das hier doch liest, mein Herz bleibt dein Zuhause. Ich warte auf dich.

*Prisma

Du drehst und wendest mich. Du brichst mich in alle meine Teile, weil du die eine suchst. Nichtwissend, dass Licht keine Farbe hat.

*Hölle im Himmel

Ich sehe die Sonne aufgehen. Es ist Zeit, mich auf den Weg zu machen. Schon viel zu lange wach. Ich möchte nur noch Nachhause. Meine Augen brennen im Morgenlicht, während ich versuche, mein Telefon aus der Hosentasche zu ziehen. 7:03 Uhr zeigt das Display an – irgendwie meine Zeit, irgendwie auch nicht. Immer noch betäubt. Ich möchte wissen, wo du bist, was du machst, ob du an mich denkst. Wie fremdgesteuert. Gefangen zwischen all dem, was ich dir sagen möchte und all den Gründen, weshalb ich es nicht tue. Der Weg scheint endlos. Es ist kalt und der Reißverschluss meiner Lederjacke kaputt. Krampfhaft halte ich sie zusammen. Nur noch zwei Ampeln. Sie ziehen an mir vorbei. Die, die zur Arbeit müssen. Die, die ihre Kinder zu Schule bringen. Die, die zum Sport gehen. 07:24 Uhr – ich bin fast da. Heute sage ich es dir. Oder auch nicht.

*Reise

Und so nahm ich dich damals mit auf meine Reise in eine Welt der Emotionen. In eine Welt, in der ich unendlich viele Texte für dich schrieb. In eine Welt fern von Zuhause, um dir eins zu schenken. Ich wusste am Anfang meiner Reise noch nicht, dass du mich stets spiegeln würdest. Und so wusste ich damals auch noch nicht, dass all meine Ängste deine waren und deine Ängste meine. Ich wollte dir näher sein, während du dich weiter entferntest. Ich schrieb weiter meine Zeilen. Wie fremdgesteuert. Gefangen zwischen all dem, was ich dir sagen wollte und all den Gründen, weshalb ich es nicht tat. Ich verlor dich auf dieser Reise. Heute bin ich zurück. Heute möchte ich dir alles sagen. Alles abgelegen, was nicht mehr zu mir gehört. Mich dir nackt, frei und verletzlich zeigen. In meiner Reinheit als Seele. Lass uns die Reise neu beginnen. Und die Angst mit Liebe ersetzen.

*Plantae

Der wohl größte Schmerz ist zu realisieren, dass wir die Zeit nicht zurückholen können. Wenn wir einschlafen, erwartet uns stets der nächste Tage, doch niemals ein vergangener. Der Schmerz, mit unseren getroffenen Entscheidungen leben zu müssen ist vielleicht noch größer. Doch der größte Schmerz ist die Sehnsucht. Wannimmer wir versuchen, sie zu ersticken, entkommt sie uns. Ihre Wege und Facetten kennt keine Grenzen. Und so die Hoffnung. Der Samen des Lebens bleibt unbesiegbar, die Keimung jedoch ungewiss. Vielleicht ist das der größte Schmerz von allem.

*Sicher

Jetzt bin ich sicher. Sicher vor mir selbst, sicher vor all den Menschen, die mir weh getan und mich nicht gesehen haben. Ich muss nicht mehr im Außen glänzen, mich einengen und werten lassen. Jetzt bin ich frei. Frei von Angst und Druck. Frei von Ego und Einsamkeit. Jetzt bin ich sicher und frei – an einem ganz fernen Ort. Hier werde ich blühen, so wie ich es verdient habe.

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